»Langweilst du dich!?« – Was für eine Frage! Wahrscheinlich denkst du, jetzt spinnt sie komplett!

Neulich haben uns unsere Freunde aus München nach fast vier Jahren das erste Mal besucht. Sie wollten früh aufbrechen und zur Mittagszeit bei uns sein. Wir waren ganz stolz: Um 12 Uhr hatten wir alles aufgeräumt. (Übernachtungsgäste sind doch immer ein toller Anlass 😉 Die Bäder waren geputzt, die Betten für unsere Gäste gemacht und das Essen vorbereitet.

Dann der Anruf: »Wir kommen später! Wohl erst gegen Abend.« Wie bitte? Was mache ich jetzt? Ich kann mich überhaupt nicht erinnern, wann ich das letzte Mal nichts zu tun hatte! Meine To-do-Liste ist nie abgearbeitet, und ich überlege sofort, was ich jetzt Sinnvolles machen könnte, doch ich habe weder Lust, einen Fachartikel zu schreiben, noch den Rasen zu mähen. Mein Kopf ist in der letzten Zeit sogar zu voll zum Lesen. Aber einfach in den Sessel setzen und nichts tun? Ich fürchte, das habe ich verlernt.

 

Langeweile aushalten? Und wenn ja, wie?

Langeweile ist schwer auszuhalten, findest du nicht? Ich vermeide sie immer öfter, indem ich mein Handy heraushole. Sei es an der Bushaltestelle, im Zug, in der Schlange an der Supermarktkasse oder wenn ich darauf warte, dass meine Tochter endlich ins Auto steigt. Selbst beim Spaziergang mit Cookie telefoniere ich manchmal.

Dabei haben Psychologen festgestellt, wie wichtig es ist, sich ab und zu zu langweilen. Langeweile schafft Raum für Kreativität. Die besten Ideen entstehen unter der Dusche. Wir wissen, dass Albert Einstein ein leidenschaftlicher Spaziergänger war, und zwar ohne Telefon. Als unsere Kinder klein waren, haben sie oft rumgequengelt: »Mama, mir ist langweilig!« Aber wenn wir das ausgehalten haben, hatten sie schnell neue Ideen zum Spielen, Basteln, Bauen oder zum Unsinn machen.

 

In der Langeweile entsteht Raum für Zuversicht.

Hat die Langeweile nun doch wieder ein Ziel? Ich meine, nein, weil ich noch etwas anderes beobachtet habe: Das absichtslose Umherschweifen der Gedanken gibt mir die Begeisterung für die kreativen Ideen anderer zurück. Sie bekommen den Raum, den sie verdienen. Entspannt und geerdet kann ich bei allem Frust über den Rückwärtsgang in der Bundespolitik die Fortschritte sehen und mich wieder mitreißen lassen von den Menschen und Initiativen, die uns nach vorne bringen. In der Langeweile entsteht Raum für Zuversicht.

Wir wissen noch nicht, ob wir während unseres Urlaubs verreisen können. Stattdessen planen wir den ein oder anderen Ausflug von zu Hause aus. Ich habe mir vorgenommen, mein Handy in der Tasche zu lassen, auch wenn es mal zu heiß sein sollte, um etwas zu unternehmen.