Damit hatte ich nicht gerechnet, als ich die Lesung mit Titus Müller in unserer Buchhandlung besucht habe. In seinem jüngsten Buch »Die Dolmetscherin« geht es um eine junge Amerikanerin, die eine persönliche Rechnung mit Hermann Göring offen hat und bei den Nürnberger Prozessen übersetzt. Kein leichter Stoff.

 

Wir können es besser!

Und dann das: »Die Menschen können es besser.« Ich war wie elektrisiert! Titus Müller sprach mir aus der Seele. Menschen machen Fehler, manchmal scheint die ganze Welt nichts mehr mit deinen Werten zu tun zu haben, und dennoch: »Wir können es besser!«

Der Autor von mehr als 30 Büchern – Romanen, Erzählbänden, Sachbüchern – ist auch live ein brillanter Erzähler. An diesem Abend gibt er uns nur wenige Kostproben aus seinem Buch. Stattdessen berichtet er von seinen Recherchen. Er ist tief eingetaucht in die Nichteinsicht, die unfassbare Dreistigkeit und Überheblichkeit der Nazischergen. 1945 sehen bei den Nürnberger Prozessen mehr als 250 Journalisten aus der ganzen Welt zum ersten Mal Bilder aus den Konzentrationslagern. Manche Beobachter verlassen weinend den Raum.

Doch wie kommt man bei diesem Thema zu einer so positiven Aussage über die Menschheit? Titus Müller hat mir gleich am nächsten Morgen diese Frage beantwortet. Das Kurzinterview mit ihm ist der erste Beitrag unten.

Ich bin so froh, dass ich an diesem Abend mit meiner Kollegin zur Lesung gegangen bin, obwohl ich müde war und am liebsten aufs Sofa gegangen wäre. Der Abend hat mich beflügelt und mir einmal mehr gezeigt, wie gut es tut, sich mit anderen Themen als unseren persönlichen Sorgen und den beängstigenden Nachrichten aus der Weltpolitik zu beschäftigen. Lasst uns wieder rausgehen und aufhören, den Kopf in den privaten Sand zu stecken! Wie wäre es, wenn du deine Liste der guten Vorsätze für 2026 noch um Lesungen, Diskussionen, Konzerte, Ausstellungen, Vorträge und Bücher ergänzen würdest? Du triffst überall inspirierende Menschen, die sich nicht beirren lassen und für dich die Perlen der Zuversicht aus dem Sand holen, wenn du selbst keinen Blick mehr dafür hast.

 

Ich habe ihm drei Fragen gestellt, und spannende Antworten erhalten:

Sie bezeichnen sich selbst als »News-Junkee« und »gnadenloser Optimist«. Wie passt das zusammen?

Ich will mir die Neugier auf die Welt erhalten. Auch wenn das Zeitunglesen oft wehtut derzeit. Mich interessieren die Menschen, mich interessieren neue Erkenntnisse und Entwicklungen, mich interessiert unsere Geschichte mit diesem Planeten. Aus dieser Neugier kommt auch die Leidenschaft, etwas zu verändern.

»Die Dolmetscherin« nimmt uns mit in die Nürnberger Prozesse. Sie haben monatelang die Protokolle studiert. Ich stelle mir vor, dass man bei dieser Recherche eher den Glauben an die Menschen verliert …

Aber ich habe ja nicht nur das Verhalten der Nazis studiert. Ich habe mir auch angesehen, mit welchem Mut zum Neuanfang damals begonnen wurde, aufzuräumen. Die Menschen haben die Buchläden leergekauft, haben Autoren gelesen, die sie zur Nazizeit nicht lesen durften. Manche haben nur Tage nach Kriegsende geheiratet. Und was den Hauptkriegsverbrecherprozess in Nürnberg betrifft: Hier hat mich vor allem Robert Jackson beeindruckt, der amerikanische Chefankläger. Er hat deutlich gesehen, dass die moralischen Standards am Boden lagen nach dem Weltkrieg. Verträge waren gebrochen worden, Menschen waren gequält und erniedrigt worden mit unsäglicher Brutalität. Man brauchte einen Neubeginn. Er hat nach Wegen gesucht, künftige Angriffskriege zu verhindern. Zum ersten Mal in der Weltgeschichte wurden staatliche Amtsinhaber persönlich für einen Angriffskrieg zur Rechenschaft gezogen und verurteilt. Das gelang Jackson durch ein neues Konzept, das der »Verbrechen gegen die Menschlichkeit«. Wir wenden es bis heute an. Ohne den Prozess in Nürnberg und Jacksons große Ideen hätte es die Erklärung der Menschenrechte 1948 nicht gegeben und auch die Genfer Konventionen 1949 nicht.

Können wir aus den Nürnberger Prozessen etwas für unsere aktuelle weltpolitische Situation lernen?

Mich hat das beflügelt: Zu sehen, auch wenn man bei einem furchtbaren Ausgangspunkt beginnt, sind mutige und große Schritte möglich. Wie nach dem Zweiten Weltkrieg Städte wiederaufgebaut wurden, wie nach Gerechtigkeit und einer erneuerten Menschenwürde gesucht wurde, das ist inspirierend. Genauso dürfen wir heute nicht die Flinte ins Korn werfen und etwa resigniert sagen, es geht bergab, in Zukunft werden mächtige Männer uns wie Mafiabosse herumschubsen. Als Menschheit können wir es besser. Und wir werden es besser hinbekommen als in den letzten Jahren. Männer wie Putin oder Trump versuchen, sich als alternativlos darzustellen. Aber es gibt gute Alternativen, es gibt Zusammenarbeit und wertschätzendes Miteinander, Verlässlichkeit, Respekt, auch in der Politik. Dahin werden wir zurückkehren, davon bin ich überzeugt.

Titus Müller: Die Dolmetscherin. Heyne Taschenbuch, München 2025, 409 Seiten, 17 Euro. EAN: 9783453442900